Pressestimmen zur Strunxsitzung 2007


Aachener Zeitung

Show und Slapstick begleiten Dracula

Strunxsitzung: Bunter Spaß, aber der Biss fehlt

Von unserem Redakteur Manfred Kutsch

Aachen. In einer knallbunten Produktion mit vielen Showelementen und reichlich Slapstick feierte die 16. Strunxsitzung im Saalbau Rothe Erde am Freitagabend Premiere. Und nahm dabei Abschied von ihrem Prinzen-Konzept: Als letzte Tollität der alternativen Jeckenbewegung trug Graf Dracula die Idee des ehedem närrisch-anarchischen Herrschers zu Grabe. Ab kommendem Jahr soll ein neues Konzept greifen.

Das könnte Sinn machen, denn die bemerkenswerte Vielfalt und Fülle an Kostümen, Tänzen und musikalischen Elementen mochte nicht darüber hinwegtäuschen, dass aktuelle bzw. lokalpolitische Reizthemen viel zu kurz kamen. Und dennoch. Im traditionellen „Total ejal"-Rausch konnte dies die Stimmung in der „Kappertz-Hölle" nur wenig trüben.

Der Ausflug ins düstere Vampir-Reich des mit Blutwurst aus dem Sarg gelockten Prinzen Dracula (Jürgen Fleuster) gehörte zweifelsfrei zu den Höhepunkten des Abends - zumal etliche Ex-Prinzen wieder zum Leben erweckt worden waren, darunter etwa „Der tierische Ernst" bzw. „Der Pleitegeier" oder die Supermarkt-Lady aus dem Ludwig-Forum.

Die mit Abstand meisten Attacken aufs Zwerchfell verbuchte die einzige Büttenrede des Abends: Manni Hammers, der mit Rudi Zins im Zebra-Dress wieder launig-kultig durchs Programm führte, hatte Highlights seiner Strunxbeiträge vergangener Jahre zusammengeführt. Seiner „Analyse des Lachens" folgten Besuche am Tivoli, in der Sauna bzw. am Rande des Rosenmontagszuges, bevor der Kabarettist manche Tücken des Stuhlganges anschaulich machte.

Ferner ragten das schwarz-humorige Wall-Street-Theatre (Christian Klömpken, Andreas Wiegels) mit einer Peitschen-Akrobatik sowie die Gruppe Grautvornix heraus. Die hatte mit ihrem Sketch über die Tücken des Navigationssystems für „Brüller" gesorgt. Nicht minder originell präsentierten die „Urgewächse" der Aachener Strunxsitzung auch ihre in Schaltkonferenz übertragene „Dopiade" - bei der die Gewichtheberin Anna Bolika fünf Tonnen stemmte oder ein vierjähriger Turner aus China beim Abgang vom Reck exakt 36 Rückwärts-Saltos schaffte.

Dass es Grautvornix in einem dritten Auftritt schaffte, AngelaMerkel und Franz Müntefering in die Badewanne zu setzen, um von dort aus Politik zu machen, war sicher mehr als eine Referenz an den Wellness-Trend: Unwillkommene Badewannengäste wie Westerwelle oder Stoiber wurden brutalstmöglich untergetaucht. Hintergründiger, überspitzter Nonsens ä la Strunx, wie immer präsent begleitet von der West K.Pelle.

Da mochte auch die „Lustige Null" (Michael Dahmen) nicht hinten anstehen, die in Perfektion der Langsamkeit neben drei verlassenen Mikro-Ständern einen Abgesang auf die ferngebliebenen „5 lustigen 4" anstimmte. Jawohl, das Publikum kringelte sich - nicht immer, aber zumindest oft: Vergnügt erlebte es auch den getanzten Salsa-Elan, oder das „Tanzverhalten über 30" (Globo) sowie auch „Bollywood in Oche". Schließlich komplettierten das Programm: Das Deutsche-Bahn-Stück „Der fröhliche Zugbegleiter" des Stiehlbruch-Theaters, der Song auf einen stehen gebliebenen, mutmaßlichen Terrorkoffer sowie eine schrille Parodie auf die MTV-Jugend-Kultserie „Pimp my ride". Lediglich der Sketch „Klinsmann muss die CDU retten" fiel ziemlich platt aus.

Bleibt abzuwarten, ob das neue Konzept der alternativen Karnevalisten ab kommendem Jahr wieder mehr Biss auf die Bühne bringt. Schade, dass die Kommunalpolitik inklusive Bauhaus und anderem närrischem Angebot überhaupt nicht stattfand. Tröstlich, dass die insgesamt sieben ausverkauften Sitzungen dennoch von gutem Unterhaltungswert sind.

 


 

Aachener Nachrichten

Strunxler sind in die Jahre gekommen

Prinzendämmerung in der Kappertz-Hölle. Echt alternative Themen fehlten. Ein Öcher Ehepaar mit staubtrockenem Humor

 Von unserem Mitarbeiter Heinrich Schauerte

 Aachen. Die Strunxler sind in die Jahre gekommen, und sie sind klug genug, das selbst zu thematisieren, bevor andere es tun. Mit umgeschnallten Wohlstandsbäuchen treten die Moderatoren Zins und Hammers auf und erklären, dass es zwar 800 Millionen Hungernde geben mag, aber eine Milliarde Übergewichtige. So ziehen sich durch das Programm Sorgen, die es zu klassischen Strunx-Zeiten entweder gar nicht gab oder die man sich nie gemacht hätte.

Da zerbrechen sich die Strunxler gleich mehrfach den Kopf der CDU oder des Herrn Müller-Lüdenscheid-Müntefering. Wobei man sich des Verdachts nicht erwehren kann, dass sie mit grün angepinseltem Polit-Personal schon zufrieden wären. Die Nummer mit Merkel und Münte in der Loriot-Badewanne ist aber saukomisch, besonders Gaby Dufern übertrifft sich wieder mal selbst. Oder sie verulken die Unzulänglichkeit von Navigationsgeräten, also auch so ein Problem, das man beim politisch korrekten Fahrrad- oder Busfahren gar nicht hätte. Aber so, ist das wohl angesichts der schweren Geländewagen vor der Tür. Auch hier glänzt Dufern, diesmal zusammen mit Kurt Radermacher. Die beiden geben mit staubtrockenem Humor ein echt Öcher Ehepaar, wie man es op en Sankel nicht besser findet. Zum Kaputtlachen auch die Sachsen, die am Rosenmontag mitten in den Zug navigiert werden. Ein viel bejubeltes Tanz-Seminar hält Clown a.D. Globo ab. Er zeigt, wie man am Tanzstil Charakter und Beruf erkennt, vom Westernhelden bis zur Therapeutin: „Bei der findest du Verständnis, ob du willst oder nicht!"

Das Bauhaus ist ja nun schon flach gefallen, was die Bürgerinitiativler Zins und Hammers in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Als nächstes werden sie wahrscheinlich gegen den neuen Tivoli sein, vielleicht wegen des unvermeidlichen neuen Namens. Also etwa „Aachener Pflümli Arena" - aber natürlich nicht, weil da Pflaumen spielen. Die Alemannia ist auch beim Strunx ta-ta-ta-bu. Umbenennen könnte man auch den Turnierplatz in „Lindt & Sprüngli Stadion" oder die Eishalle in „Willi-Delzepich-Halle".

Ein Kerl von Frau

Vom Sport ist es nicht weit zum Doping, und auch dieses Menschheitsproblem geißelt ein wackerer Strunxler heutzutage unerschrocken. Da gibt es Gewichtheben mit Anna Bolika, einem Kerl von Frau, Speerwerfen vom Waldstadion bis Merzbrück oder auch Stabhochsprung über den Dom - alles dank Grünestahl & Co. Britisch unterkühlten, garantiert dopingfreien Sport und dto. Humor führen die Herren Schultze und Schröder vor. Wobei man als Gentleman das Stöckchen, das der andere mit der Peitsche durchtrennt, durchaus auch mit dem Allerwertesten halten kann.

An demselben vorbei könnte es einem an sich gehen, dass es da neuerdings eine Tätigkeit namens pimpen zu geben scheint, zu de-ren Kenntnis man offenbar durch das Anschauen von Unterschicht-Fernsehen gelangt. Schauen Strunxler jetzt Unterschicht-Fernsehen? Auch mit TV-gerechten Shownummern zollt man dem Zeitgeist Tribut - oder doch nur dem, was uns als solcher vorgegaukelt wird? „Herrliche Kostüme" würde Franz Baumann sellijer zu einem gefühlten Viertel des Programms sagen. Echt alternative Themen fehlten jedenfalls.

Fehlten auch Manfred Hammers die Themen? Kaum anzunehmen, aber diesmal ist es so, dass er erstmals nichts Neues brachte, sondern sozusagen seine gesammelten Werke. Wer erinnert sich nicht an das Lachen eines Maschinenbaustudenten im sexuellen Notstand? An den Kamellenfänger im Rosenmontagszug? An die Sauna oder gar den aberwitzigen Stuhlgang, bei dem ja bekanntlich die Evolution voll versagt hat? Alles Lachnummern allerersten Ranges, die auch im dritten Aufguss noch den „Tierischen Ernst" ganz alleine retten würden. Alle viel zu schade, vergessen zu werden. Und doch: Irgendwie passt es ins Bild vom großen Abgesang.

Auch hier: Die fünf lustigen vier haben sich inzwischen auf einen reduziert. „Nä, was'n Elend!" rufen alle Stammgäste - und wer ist das hier nicht? - sogleich im Chor. Michael Dahmen, wie immer ein Bild des Jammers, braucht ziemlich lange, bis er rauskriegt, dass sich irgendwas verändert hat und das heute eine Null-Nummer wird. Jammerschade um all die schönen alternativen Schlagworte

von der Authentizität bis zur Selbstanalyse. Und dann so ganz allein als lustige Null: Nä, was'n Elend!

Von einem auf keinen hat sich gar der Prinz reduziert. Jawohl: Dieser Strunx-Prinz, ein finsterer Jürgen Fleuster als Dracula, ist der letzte. Es wird nie wieder einen geben. Total ejal? Man weiß es nicht. Strunx braucht zwar nicht unbedingt einen Prinzen, aber das ist doch eine Zäsur, die sich ins Gesamtbild fügt: Prinzendämmerung in der Kappertz-Hölle. Dazu passt auch der „anachronistische Zug" der fünfzehn alternativen Tollitäten, der bei Strunx-Veteranen Wehmut aufkommen ließ.

Begeisterung

Trotzdem: Lieber weiter mit dem Strunx bis ins lustigste aller Aachener Altersheime als mit Air Bekloppt ins Sauerland. Der Strunx hat ja schließlich selbst die hohen Maßstäbe gesetzt, an denen er gemessen wird. Das Publikum bei der Premiere zeigte sich jedenfalls begeistert wie immer und war in Hochstimmung von der ersten Sekunde an.