Pressestimmen zur Strunxsitzung 2005
Aachener Zeitung
Schrille «Strunx»-Show bricht alle Tabus
Von unserem Redakteur Manfred Kutsch (30.01.2005 | 19:48 Uhr)
Aachen. Es «strunxt» wieder in der «Kappertz-Hölle». Und zwar gewaltig.
Mit geballter Kraft der Narrenanarchie kehren Aachens alternative Karnevalisten mit ihrer West-K-pelle entschlossener denn je zu tabuloser Show und schrillen Tönen zurück.
Unter der Regentschaft und orientalischen Revue des strunxeigenen Ölprinzen (Helmut Reis), der u.a. Alemannia und die Osthalle aufkauft, den Dom zur Moschee macht und das Kappertz-Publikum in Zukunft gen Mekka platziert, wird das jecke Kreativ-Ensemble der rund 80 Mitwirkenden seiner Hymne «Total ejal» immer wieder gerecht.
Starke «Grautvornix»
Dies gilt allen voran für die stark präsente Gruppe «Grautvornix», die gleich zu Beginn das veralternde Deutschland im Alltag der Seniorenresidenz «Haus Gnadentag» persifliert - mit Schließmuskeltraining, Rollatorturnen, Krückentanz zu den Klängen von «Take me home» oder Laubsägekursen am Eichensarg.
Nicht minder knallig das «Krippenspiel» der Komiker, in denen ein betrunkener Hirte, ein schwuler Engel, der Tanzoffizier Josef und das schwangere Mariechen dem Ruf des AAK folgen, alle Narren zu zählen.
Doch «Grautvornix» (immer wieder mit Norbert Becker) legt noch zu: So etwa im Musical der von der Pisa-Studie ausgenommenen AKV-Büttenredner-Schule mit Dirk von Detmold oder insbesondere beim Konzil «der Hohen Priester des Mammons», die «im Namen des Zasters, der Kohle und des Heiligen Euro» u.a. einen prominenten Aachener Stadtplaner lobpreisen.
Da brodelt die Kappertz-Hölle. So auch beim fetzigen Rap-Sketch über den letzten Arbeitstag von Schwester Elsbeth und die Sparmaßnahmen des Bistums, «das jetzt auch am Glauben kürzt» und «selbst das ,Vater unser' zur Hälfte gestrichen hat», so die beiden Moderatoren Rudi Zins und Manni Hammers, die das rationalisierte Gebet knochentrocken zum Besten geben.
Die beiden kultigen Strunx-Vorturner und Wortakrobaten sorgen wie gewohnt für viel Salz im reichhaltigen Eintopf der dreieinhalb Stunden währenden 20 Programmpunkte. Von denen - bemerkenswert - kaum einer das Stimmungshoch nicht halten kann.
Dies gilt natürlich auch für die Büttenrede von Hammers, der frei von Requisiten und Kostüm dem Publikum einen verbalen Film vorzuspielen vermag. In diesem Jahr rund um das Thema Hygiene.
Hammers' HNO-Alltag
Frei unter dem Motto «solange man noch spucken und husten kann, ist das Leben nicht zum Kotzen» nimmt sich der Kabarettist der Alltagswelt des «HNO-Alarms», der Viren und des Speichels, des Nasebohrens, der Bäuerchen und «Darmflüchtlinge» an. Total ejal, und das quietschend sich krümmende Publikum windet sich aus der sardinendosigen Enge und steigt auf die Bänke.
Strunx 2005. Das ist auch Theater Stiehlbruch mit dem jecken «Strunx-Shopping» und insbesondere mit der an die satirischen Grenzen gehenden Modemesse «Interterror» unter Leitung von Karl Feldlager: Präsentiert wird u.a. der neueste Chic für Selbstmordattentäter mit glitzernd bedecktem «Eventgürtel» oder die unauffällige Eleganz des Flugzeugentführers.
Durchgängig bleibt die Sitzung auf Touren. Mit dem Double von Ulla Schmidt in der Bütt («Klümpchen sammeln am Rosenmontag ist die motorische Frühförderung in der Ellenbogengesellschaft»).
Oder mit dem Slapstick «Frau am Steuer», der Begegnung zweier Öcherinnen auf dem blaulichtigen WC der Mayerschen, mit dem Schwanensee-Ballett und dem «Voolendamer Kookstudio».
Ganz zu schweigen von den «5 lustigen 4», die in stoischer Langsamkeit den wahren Fragen des Lebens nachgehen: «Warum sitzen im Theater die Glatzköpfe in der ersten Reihe? Damit die Einarmigen in der zweiten Reihe etwas zum Klatschen haben!»
Knatschjeck auch das Finale mit chirurgischen Missgriffen, Trockenschwimmen beim SV Neptun oder der brillanten Variationsvielfalt des Öcher Klassiker-Spruches «Sach ich doch» beim Friseur-Gespräch.
14. Aachener Strunxsitzung. Ein Markenzeichen.
Aachener Nachrichten
Nach 14 Jahren: Der «alter Native» lebt noch
Von unserem Redakteur Willi Erdweg (30.01.2005 23:07)
Aachen. Auch die Alternativen sind mittlerweile in die Jahre gekommen. Doch auf die Frage: «Lebt denn der alter Native noch, Native noch?», konnte es nur eine Antwort geben: «Ja, er lebt noch, er sitzt hier im Saal (Kappertz)».
Die Aachener «Strunxer» feierten ihre 14. Sitzung, und bei der Premiere in Rothe Erde lief wie immer ein flottes und trotz vier Stunden Länge kurzweiliges Spektakel über die Bühne, eine seit Jahren gut geölte Maschinerie (der diesjährige Prinz ist denn auch der Öl-Prinz) mit den bekannten Gesichtern des Strunx-Ensembles inklusive der West-Kapelle. Das alles ist profihaft und hat viel Witz und Schliff in Choreographie, Gesang, Persiflage, Slapstick und purem Nonsens.
Altenheim
Stark vertreten waren diesmal als Motiv die «Senioren» und das «Altenheim» (tosender Applaus für den Krücken-Tanz). Die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt alias Ingeborg Haffert trat näselnd und im schwarzen Hosenanzug persönlich vor das Publikum. Traditionelle Zielscheiben sind die Kirche (aus Sparsamkeitsgründen wird jetzt sogar das Vater Unser gekürzt) und der etablierte Karneval (ein köstliches Krippenspiel mit den Drei Königen als Dreigestirn).
Zu den Paradestücken zählten die «Anbetung des Mammon» mit dem Schlusschoral «Sparen und Streichen» sowie das «Volendamer Kookstudio», ein satirischer Seitenhieb auf unsere niederländischen Freunde. Was Kurt Radermacher und Arlette Fincken hier boten, war schon allein sprachlich ein Genuss.
Auch einige Verstöße gegen die politische Korrektheit sind aktenkundig. «Was trägt der Terrorist im kommenden Sommer?», so der Titel einer Modenschau mit dem Modeschöpfer, nein nicht Rudolf Mooshammer, sondern Karl «Feldlager». Er präsentierte unter anderem das Modell «Flugzeugentführer».
Dann Manfred Hammers und Rudi Zins im Dialog: «Wenn man sich mit einem Ausländer unterhält, liegt anschließend überall gebrochenes Deutsch herum.» Zahlreich sind die Sünden wider den guten Geschmack. Sie reichen vom «Schließmuskeltraining im Altenheim» über die Frage, warum Glatzköpfe im Theater immer in der 1. Reihe sitzen (damit die Einhändigen in der 2. Reihe was zu klatschen haben) bis zum Höhe- oder besser Tiefpunkt: Manfred Hammers´ Monolog über das Spucken, Husten, Nießen und Nasepopeln. Hatschi!
Die ein oder andere Nummer und Überleitung war vielleicht etwas lang, der Kirchen-Rap akustisch schwer verständlich, ein Witz (aus Schicklichkeitsgründen nicht zitierbar) hatte einen Endlos-Bart. Ansonsten bleibt festzustellen: Der alternative Karneval ist inzwischen selbst etabliert, wessen sich die Protagonisten durchaus bewusst sind. Eins kommt hinzu: Das Kabarett - bitte mal weghören verehrte Kleinkünstler, lieber Herr Haverkamp - hat sich doch arg in die Niederungen des Alltäglichen begeben und ist irgendwo zwischen der Zehn-Euro-Praxis-Gebühr und dem vierlagigen Klopapier, respektive der blauen Toilettenbeleuchtung in der Mayerschen Buchhandlung, stecken geblieben. Wo sind die wirkichen Tabu-Themen?
Aber total egal. Spaß gemacht hat es trotzdem wie immer - The same procedure as every year.