Pressestimmen zur Strunxsitzung 2008
Aachener Zeitung
Strunx auf der Suche nach letzten Tabus
Von unserem Redakteur Manfred Kutsch
Aachen. Als der Emu im Dschungel schon bei der Namensnennung des AKV ins Gras kotzt und die Hyäne zähnefletschend in den Himmel heult, deutet sich gleich zu Beginn an.
Aachens alternativer Karneval ist zur 17. Strunxsitzung bei der Premiere am Freitagabend auf der Suche nach mehr Biss, Blödelei und Brüchen der heißgeliebt umsungenen «Ta-ta-ta-buuus».
Zu großen Teilen wird man - erstmals ohne Prinzen - auch fündig. Das Problem dabei: Es gibt immer weniger Tabus. Erst recht sexuelle. Dass trotzdem ein beachtlicher Part des diesjährigen Strunx-Programms auch aus der Betriebsfeier der Beate-Uhse-Belegschaft hätte stammen können, reduziert Satire zuweilen auf hormongesteuerten Selbstzweck.
Abgesehen davon gilt: Strunx 2008 hat knallbunte Szenen, schrille Sketche, beachtliches Tempo. Und ist wieder geprägt von den gewohnt launigen Dialogen der Moderatoren Rudi Zins und Manni Hammers, die sich knochentrocken durch Themen wie 68er-Jahre, Spams, Selbstfindung und China-Produkte parlieren. Zins: «Der Chinese macht sich ja schon selber nach.» Hammers: «Ja klar, sonst wären das auch nicht so viele.»
Apropos Hammers. Das Strunx-Urgestein knöpft sich in seiner umjubelten Büttenrede den Aachener schlechthin vor. Ob Stadtteile wie Eilendorf («Wer will da noch hin, seit der Geulen zu ist?») oder Redensarten («Der fängt an aufzuhören zu arbeiten») - der 50-jährige Kabarettist der «Fleddermäuse» seziert die Öcher Mentalität wie ein Chirurg das Zwerchfell. Weitere Highlights: mitreißend blödelnde Szenen um das Nichtrauchergesetz («Raucher- und Nichtraucherbereiche in einem Raum zu schaffen, ist in etwa so sinnvoll wie Pinkler- und Nichtpinklerzonen in einem Whirlpool»). Oder: Die «Showtankstelle», in der zur «Mamma-Mia-Melodie» die Spritkrise auf die Spitze getrieben wird.
Feine Parodien
Parodien nonstop. Wie auch im ideenreichen - vielleicht etwas zu langen - Graffiti-Stück der talentierten Nachwuchskräfte Yves Le Marie und Ulli Laven. Auch die Verwaltungskonferenz, in der eine erotische E-Mail hart erarbeitet wird, gehört zu den Strunxknallern, zu denen ebenfalls die «reifen Handwerker» zu zählen sind, die ihre Erotik am Werkzeug festmachen. Damit hätte es in Sachen Sex auch gut sein können.
Gottlob fanden sich noch andere Themen, darunter tatsächlich ein neuer Tabubruch: Im «Wohnwelthaus für islamische Terroristen» ertönt der Gassenhauer «Die Talibane sind pleite, die Geisel hält durch», da wird «Abdull, bitte in die Sprengstoffabteilung» gerufen, bevor eine waschechte Öcher Geisel den Terroristen drohend den Garaus macht: «Ich kann verdammt fies werden.»
Grenzwertig, mutig, aber strunxig pur. Was auch für die Satire zu Schäubles elektronischen Überwachungsplänen gilt («Der ganze Saal steht unter Generalverdacht»). Oder auch für die Fotoshow, bei der sich in dieser kurzen Session ein Nikolaus und ein Karnevalist um die Vorherrschaft auf dem Weihnachtsmarkt streiten - ein augenzwinkerndes Machwerk von Kreativkopf Norbert Becker, der wie Strunx-First-Lady Eva Vleek an sieben von 20 Programmpunkten beteiligt war.
Bereichernd auch die Rückkehr des Pantominen Globo ins Strunxprogramm, der als strippender Busfahrer das Finale einläutete. Zuvor aber konnte sich das Publikum noch über die «5 lustigen 4» («Nää, watt'n Elend») kringeln oder sich über die schrillen Patienten im Wartezimmer amüsieren, die ihre Krankengeschichte mit Rockmusik erzählen. Überhaupt: Gesungen wurde viel und gut (unter anderem Wolfgang Offermanns, Meikel Freialdenhoven, Kurt Radermacher).
Alles in allem: Ein kurzweiliges Vergnügen, das mit etlichen «Brüllern» locker darüber hinweg tröstete, dass der Mix nicht immer stimmte. Wobei niemand den alternativen Prinzen vermisste.
Aachener Nachrichten
Auf Blaublüter kann Strunx verzichten
Von unserem Redakteur Gerald Eimer
Aachen. Wer braucht schon Prinzen und blaublütige Ritterinnen? Die alternative Jeckschaft jedenfalls nicht - sie liefert auch adellos mal wieder tadellosen Strunx ab: Witzig, frech, schrill, selbstironisch, ideenreich.
Mit einem Medley karnevalistischer Gassenhauer bringt Wolfgang Offermann das Volk im 17. Strunx-Jahr umstandslos von Null auf Hundert: Bei «Mer losse d´r Strunx bei Kappertz» und «Ein schmucker Zins im Karneval» kann auch das leicht angegraute sozialbewegte und akademische Publikum textsicher mithalten.
Es verzeiht in der Folge auch locker kleinere Stimmungsdellen, die in einem aus 20 Nummern zusammengefügten Ganzen nicht ausbleiben, die aber sowieso vom gewohnt prächtig aufgelegten Moderatoren-Duo Manni Hammers und Rudi Zins schnell ausgebügelt werden.
Nebensache Politik
Den beiden Männern im Zebra-Dress bleibt es überlassen, politische Themen zumindest noch in Nebensätzen zu streifen. Aus dem reichhaltigen Fundus, den die Kochs, Merkels, Becks, Laschets und Lindens zu bieten haben, mag aber ansonsten kaum jemand schöpfen. Wenn schon die aktuelle Politik niemanden mehr lachen lässt, ist es gut zu wissen, dass sich das Publikum bei «Ho, Ho, Ho» doch noch eher an Ho Chi Minh als an den Weihnachtsmann erinnert.
Wen aber interessiert heute noch der Imperialismus, wenn man zu Hause durch Rauchergesetze und renitente Schüler, geballte Erotik und Rheuma gepeinigt wird? Derart gesellschaftsbewegende Themen ziehen sich durchs knapp vierstündige Programm, und viele davon wären sicher auch auf jeder Herrensitzung für einen Brüller gut. Nicht zuletzt, wenn zu später Stunde reife Handwerker ihre Dienste anbieten. Ruf an: Mit seinem Schlagbohrer bringt Günter jede Mutter zum rotieren. Wähle 333, wenn es was zu nageln gibt.
Zu den Vielbeschäftigten auf der Bühne zählt Veronika Siebert, die unter anderem als hochengagierte Grundschullehrerin einen zukunftsweisenden Auftritt hat. Manchen Schülern kann man halt nur noch die wichtigsten Zahlen beibringen: «-,99 und 1,99.»
Im Laufe des Abends immer wieder gern gesehen auch Norbert Becker, der nicht nur im Duett mit Eva Vleek 1a-Gesangsnummern hinlegt. Echte Neuentdeckungen sind auch zu machen. Meikel Freialdenhoven etwa, der nun wirklich als einzig wahre Antwort auf Frank Sinatra gelten muss. Mit seinem Mega-Hit «Nee Jörg» ist der Lange Meikel zweifellos broadwaytauglich, schön, dass er in dieser Session für die Hüttenstraße verpflichtet werden konnte.
Auch die beiden Graffiti-Sprayer Ulli Laven und Yves Le Marie, die auf der Suche nach ihrer politischen Botschaft nur Mamas Einkaufszettel finden, gehören zu den hoffnungsvollen Neueinsteigern. Ein paar Kürzungen täten ihrer Nummer allerdings gut.
Nie genug kriegt man hingegen von den «5 lustigen 4» Michael Dahmen, Manni Rüsel, Jörg Limbrock und Veronika Siebert. Nä, was´n Elend, dass die vier nach fünf lustigen Minuten schon wieder abtreten.
Hilfreich für alle Zugezogenen mit Migrationshintergrund ist unbedingt Manfred Hammers´ Büttenrede. So erfährt man, dass die Aachener ihre ethnische Grenze 150 Meter um den Dom herumziehen. Das ist die Gegend, in der die Anrede «Hör» Vor- und Zuname in einem ist.
Zu was Typen aus dieser Temperamentzone fähig sind, zeigt Michele Offermann im islamistischen Geiselcamp - eine Nummer, die sich für den Normalo-Karnevalisten noch am ehesten im Grenzbereich zwischen politisch-korrektem Humor und Tabubruch bewegt. Der rheinischen Großschnauze müssen sich am Ende aber nicht nur die härtesten Kidnapper auf der Bühne, sondern auch alle Bedenkenträger im Saal lachend ergeben.
Nonsense, Kalauer, Blödeleien und fröhliches Liedgut - begleitet von der traditionsreichen Hausband West K. Pelle - bescheren allen Stammgästen und Strunx-Neulingen mal wieder einen höchst kurzweiligen Abend, der mit Globos Strip - Selbstzitat aus strunxigen Anfangstagen - sein Ende findet. Hoch verdient ist der frenetische Schlussapplaus. Vier Sitzungen stehen am kommenden Karnevalswochenende noch aus, alle sind ausverkauft.